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Brief an die hessische Umweltministerin Puttrich

17.07.12 Mein Brief an die hessische Umweltministerin vom 17.07.12 zur geplanten Gesetzesänderung mit der Verbannung von Radfahrer von den Trails. Wollen wir hoffen, dass die zahlreichen Proteste nicht vergebens sind!

Sehr geehrte Frau Puttrich,

ich war heute mal wieder mit dem Mountainbike im Wald unterwegs um mich selbst davon zu überzeugen, welche Belastung meine Aktivität auf dem Fahrrad für die Umwelt darstellt.

Ich bin in 5 Stunden genau 100km gefahren, davon führten etwa 65km mitunter sehr steil bergauf und -ab über schmale Pfade, die wir Biker "Trails" nennen. Bei schönstem Sonnenschein, prima Bodenverhältnissen und sehr angenehmen Temperaturen fand ich im Wald vor allem eines, nämlich gähnende Leere.

Einer einzigen Wandergruppe begegnete ich auf dem Trail, der übrigens ein ausgezeichneter Wanderweg in Nordhessen ist, diese Wanderer erschraken beim Anblick eines Radlers offenbar so sehr, dass sie spontan applaudierten und anfeuerten, mir Getränke anboten und anschließend mich schnell den steilen Anstieg hochschoben um wohl sicherzugehen, dass ich rasch wieder weg bin. Zusätzlich suchte ich vergebens nach dem Wild, welches in Todesangst vor mir flüchtend durch den Wald hetzt. Auch der Blick zurück zeigte keine Spuren meiner Tätigkeit im Wald, der Harvester auf einem der beschilderten Wanderwege und unzähligen neuen Schneisen im Wald, hat deutlich größere Spuren hinterlassen, als ich es jemals könnte. Die eingehende optische Untersuchung der offenliegenden Wurzeln, die ich mit gummibenoppten, großvolumigen Reifen mit sehr niedrigem Luftdruck überrollte, war ebenfalls ohne Befund. Ich rase und lärme übrigens auch nicht "kreuz und quer" durch den Wald, vielmehr genieße ich die Natur, erfreue mich über die Ruhe im Wald und meiner sportlichen Betätigung, dass ich dabei mit meinem Rad logischerweise schneller als zu Fuß bin, tut der Sache keinen Abbruch und kriminalisiert mich nicht.

Dieses Beispiel ist im Übrigen keine Ausnahme, ich bin jährlich viele tausende Kilometer und hunderte Stunden in nordhessischen Wäldern unterwegs, Probleme gibt es kaum. Trifft man auf einen Wanderer, macht man es wie sonst auch: Bremsen, Grüßen, Lächeln, Vorbeifahren, Freuen! Ich kenne vermutlich weit mehr Radfahrer und vor allem Radsportler als Sie selbst, keiner dieser Sportsfreunde käme je auf die Idee, eine der genannten Untaten zu tun.

Warum wir nun dafür ein Gesetz bekommen sollen, welches es uns verbietet, auf solchen Pfaden zu fahren, erschließt sich mir nicht. Zum ersten Mal hörte ich von dem Vorhaben im April diesen Jahres, im Rahmen einer Nachrichtensendung kam ein Beitrag über die geplante Gesetzesänderung mit mehreren Stellungnahmen von Radsportlern, Förstern und schließlich auch Ihnen. Anfangs dachte ich noch, es sei ein verspäteter Aprilscherz und die anderen Kabinettsmitglieder wie z.B. Innenminister Rhein, der für den Sport zuständig ist, würden dies schon zurechtrücken. Auch dachte ich, dass das Gesundheits- und/oder Verkehrsministerium und andere Kollegen Sie bremsen und eine klügere Richtung weisen würden. Dass der Bund Deutscher Radfahrer nichts entgegenzusetzen hat, damit konnte man schon rechnen. Mit meiner Leichtgläubig- und vielleicht auch Blauäugigkeit oder gar Naivität habe ich leider völlig daneben gelegen. Dabei hätten die Alarmglocken läuten sollen, als Sie mit den Worten "... und schließlich gefährden sie (die Radfahrer) sich auch selbst" ihre Ausführungen beendeten. Diese Äußerung verdeutlicht, dass Sie vermutlich wenig Ahnung haben, was wir da im Wald machen. Wenn Sie sich wirklich um die Gesundheit der Radfahrer bemühen möchten, stoßen Sie lieber eine Helmpflicht für Radfahrer an. Damit hätten die Radsportler den Radfahrern übrigens einiges voraus, für uns Sportler ist es selbstverständlich, den Kopf zu schützen. Dies machen wir außerdem nicht, um in den Kampf in den Wald zu ziehen, der Wald ist nicht unser Feind - und wir sind nicht der Feind des Waldes!

Sie werden jetzt sicher denken, dass es ja so schlecht nicht sei und man die Breite ja gar nicht regeln und insgesamt es für die Radfahrer besser werden wird. Doch wenn ich den Gesetzentwurf lese und darin sehe, dass das Radfahren nur noch auf Wegen erlaubt sein wird, welche ganzjährig von nicht geländegängigen, zweispurigen Kraftfahrzeugen befahren werden können, ist das eine Wegbreitenregelung wie in Baden-Württemberg, außer sie lassen hier auch Bobbycars gelten. Das für die Zuwiderhandlung dieser Regulierung der Entzug meines Fortbewegungsmittels droht, als hätte ich mit dem Gefährt (wir reden immer noch von einem ganz normalem Fahrrad) eine schwere Straftat begangen und es muss als Beweismittel gesichert, zusätzlich noch horrende Bußgelder fällig werden, lässt das die ganze Sache sehr zum Ärgernis verkommen. Muss ich sogar noch Kaution für die Auslösung meines Sportgeräts bezahlen? ICH BIN RADFAHRER, KEIN VERBRECHER!

Sie sind auch gerne im nächsten Jahr zur Geburtstagsfeier meines Sohnes eingeladen und können den Jungs bitte verständlich und nachvollziehbar erklären, warum sie mit ihren Kinderrädern die Naturwege, Wurzeln und Bäume kaputt machen, den Wald schädigen und die Tiere aufschrecken! Zudem können Sie auch gerne den Kontakt zu den Waldbesitzern herstellen, durch deren Grundstücke ich mit den sechs bis acht Jungs eine Radtour machen werde. Da dies natürlich nicht zufällig geschieht, sondern ich schon weit im Voraus plane, muss ich diese "organisierte Veranstaltung" Ihrem Gesetzentwurf entsprechend anmelden. Geschenk brauchen Sie keines mitbringen, begleichen Sie einfach die Gebühren für die Anmeldung, falls denn dafür welche fällig werden. Danke.

Ich schrieb weiter oben, dass es kaum zu Vorkommnissen mit anderen Nutzern im Wald kommt. In letzter Zeit (seit Veröffentlichung der geplanten Gesetzesänderung) kommt es jedoch häufiger vor, dass alle paar Meter mitunter arm- bis beindicke Äste auf den Weg gezogen werden, ich beschimpft, beleidigt oder bedroht werde und sich auch schon mal ein Spaziergänger in Balotelli-Manier vor mir aufbaut und mich zurechtweisen möchte. Dafür mache ich diese Debatte gegen uns Radfahrer verantwortlich, erst seit dem Zeitpunkt habe ich vermehrt diese negativen Erfahrungen machen müssen. Statt für ein Miteinander zu werben, werden die Radfahrer als Rambos (Verkehrsminister Ramsauer) oder rücksichtslose Rowdies dargestellt.

Wenn dieses Gesetz tatsächlich in der angedachten Form durchgesetzt wird, stellt sich mir auch die Frage, wie ich in ferner Zukunft meinen Enkeln den Wald zeigen möchte. Einmal vorausgesetzt, ich wohne nicht in unmittelbarer Nähe eines Waldes, bin ich gezwungen, mit dem PKW zum Wald zu fahren. Platz im Auto habe ich ja genug, die Räder müssen wegen Fahrverbot daheim bleiben. Anschließend kann ich in der Reichweite arg begrenzt zu Fuß den Kindern erzählen und zeigen, was es heißt, den Wald verantwortungsvoll zu betreten, Ihr Gesetz erklären und die üblichen Bildungsmaßnahmen durchführen. Das Ganze muss ich auf wenige Kilometer begrenzen, die Kleinen können schließlich nicht so weit laufen. Dies sind ziemlich schlechte Aussichten wie ich finde. In meiner Kindheit sind wir stundenlang durch den Wald gefahren, bergauf und bergab haben wir uns duelliert, Räder ramponiert bzw. geschrottet und waren glücklich dabei. Der Wald hat uns überlebt, auch wir haben den Wald überlebt.

Ich bin im Übrigen weder auf Krawall gebürstet, noch ein Wutbürger oder ewiger Nörgler. Ich schätze unser Land sehr, verteidige es notfalls mit Helm auf dem Kopf und der Waffe in der Hand am Hindukusch. Ich habe dort unter anderem den Auftrag, die neugewonnene Freiheit der Bevölkerung zu schützen und sie bei Bedarf mit Waffengewalt zu verteidigen. Nun werde ich aber von meinem eigenen Staat, genauer gesagt von dem Bundesland, in welchem ich mehr oder weniger zufällig lebe, in meiner Freiheit derart eingeschränkt, dass es mir wirklich schwer fällt, unsere Werte zu vertreten.

Sie können mich auch gerne mal mit einer Abordnung oder auch alleine auf einer Trainingsrunde begleiten. Um den Leistungsunterschied auszugleichen, können Sie ja auf ein E-Bike umsteigen, dann können wir in schöner Eintracht durch die nordhessischen Wälder fahren. 5h werden es sicher nicht werden, dass hält der Akku nicht aus. Ich möchte Ihnen gerne zeigen, was es heißt, mit dem Mountainbike durch das Gelände zu fahren, das "kreuz und quer" durch den Wald mit dem Rad gar nicht möglich ist und nebenbei noch ein paar Sehenswürdigkeiten ansteuern. Aber Helm nicht vergessen!

Ferner wird in einer Stellungnahme zur Gesetzesänderung davon geredet (geschrieben), dass es nahe den Ballungsgebieten zu massiven Problemen in den Wäldern kommt. Dies glaube ich Ihnen sogar auf`s Wort, aber was zum Teufel habe ich damit zu tun? Ich wohne in der Region Waldeck-Frankenberg, wenn Sie jetzt einen Atlas bemühen müssen um dies zu suchen, verstehe ich auch das. Wir sind hier nicht in oder an einem Ballungsgebiet, ich fahre stundenlang durch Wälder, ohne auch nur einen Wanderer, Förster, Fußgänger oder sonstige Nutzer zu treffen. Handyempfang habe ich ebenfalls nur spärlich, viele Touristen bezahlen Geld, um in dieser Region Urlaub machen zu können. Wäre es nicht einfacher, die Probleme vor Ort zu lösen, anstatt pauschal und vorsorglich alle zu sanktionieren? Im nächsten Jahr kommt übrigens der Mountainbike-Weltcup nach Willingen, im Rahmen des ohnehin sehr gut besuchten Bikefestivals, welches jährlich im Upland stattfindet, werden die weltbesten Fahrer zu Gast in unserer Region sein. Nebenbei werden im Internet die Rennen live übertragen, viel Presse und Reklame rund um das Event gemacht, aber in die Wälder dürfen wir nicht...

Wenn Sie wirklich konsequent sein wollen, verbieten Sie doch zusätzlich das Wandern und Joggen auf den naturnahen Wegen, sprechen ein Betreteverbot für den 1. Mai und Himmelfahrt aus und dann haben die Jäger freies Schussfeld.

Ich habe diesen Brief auch an andere Ministerien des Landes und Bundes, den Landesabgeordneten des Kreises Waldeck-Frankenberg, den BDR, den ADFC und unsere DIMB gesendet. Ich hoffe so, dass mein Brief auch tatsächlich zu Ihnen gelangt und nicht von einem Sachbearbeiter Ihres Büros belächelt und zurückgehalten wird.

In Erwartung einer vernünftigen Entscheidung in der Angelegenheit wünsche ich Ihnen ein glückliches Händchen und meine Einladung zu einer gemeinsamen sportlichen Ausfahrt bleibt bestehen.

Hochachtungsvoll

Alexander Rebs